Hinter den Kulissen: So Franziska – so what

Franziska ist im Vorfeld für die allgemeine Workshop-Planung und während der Transtagung für das Housekeeping, die Technik und unsere Helfer*innen zuständig. Sie wünscht sich, dass unser Tagungsmotto So Trans – So What für alle von uns Wirklichkeit wird.

Franziska_ProfilIch bin eine Frau, 41 Jahre alt, wohne inmitten von Kühen und Weiden im schönen und beschaulichen Gempenach, einem kleinen Dorf mit knapp 300 Einwohnern im Freiburger Seebezirk – und dies schon lange genug, dass eigentlich das ganze Dorf meine Transition mitbekommen hat, denn man(n und Frau) kennt sich hier. Trotz des ländlichen Flairs und der kleinen Grösse, war meine Transition erstaunlicherweise nie wirklich ein Dorfthema “Gott, was habe ich mir im Vorfeld alles für Gedanken gemacht.

Ich versuche mal das Unmögliche und meine Transitionsgeschichte kurz zu fassen: An die Zeit zwischen Geburt und etwa 12-jährig, dem Beginn meiner Pubertät, habe ich nur noch sehr, sehr schwache Erinnerungen. Von da an merkte ich jedoch, dass meine körperliche Entwicklung nicht mit den übrigen Mädchen übereinstimmte, mit denen ich mich gerne verglich, und je länger dies dauerte, desto schwieriger wurde es. Dr. Google gab es damals noch nicht, und da ich mit niemandem darüber sprechen konnte, versuchte ich irgendwie mit meinem Körper klarzukommen. Mit 19 Jahren lernte ich eine Frau kennen, die ich mit 29 heiratete. Ich war eigentlich glücklich, wäre da nicht das wieder erwachte Unbehagen mit meinem Körper gewesen, das mich mit über 30 Jahren doch in die Arme von Google trieb und 35-jährig zum inneren Coming-Out führte. Danach begann sich die Zeit immer schneller zu drehen: Mit 37 Brust-Operation und Beginn mit der Haarentfernung, mit 39 öffentliches Coming-Out, Beginn HRT und Namensänderung, mit 40 Beginn Logopädie, GAOP, Personenstandsänderung, sowie Scheidung von meiner langjährigen Partnerin, die heute immer noch eine sehr gute Freundin ist und mit 41 Jahren lerne ich nun mein Leben neu kennen.

Nebst den schwierigen Momenten in meiner Vergangenheit gab es auch ganz viel Schönes. Eine Situation möchte ich hier kurz erwähnen, denn diese ist klar aus der Transthematik heraus entstanden: Neulich stieg ich in einen gut besetzten, grossräumigen Fahrstuhl, in dessen hinterster Ecke sich drei pubertierende Jugendliche drängten. Als sie meiner gewahr wurden, rief der Rädelsführer der dreien in unüberhörbarer Lautstärke: „Kuck ma, ne Tunte!“ Worauf schlagartig eine Grabesstille Einzug hielt. Nun, ich habe nicht nur gelernt zu kämpfen, sondern auch mit Menschen auf ihrem eigenen Niveau zu diskutieren, daher gab ich schlagfertig zurück: „Ne, ne Transe, sieht man doch!“ Was zu allgemeinem Schmunzeln im Fahrstuhl führte. Nun gut, wir fuhren schweigend bis zum nächsten Haltepunkt, bei dem die Jugendlichen aussteigen wollten – nur standen sie immer noch zuhinterst im Fahrstuhl. Vorne an der Türe stand ein älterer Mann mit Gehstock, bestimmt ü70. Dieser stieg soweit aus dem Fahrstuhl, dass er mittig in der Lichtschranke stand und nichts mehr ging: Es bewegten sich weder Tür noch Mensch. Und dann begann er in aller Seelenruhe den Jugendlichen „auf deren sprachlichen Niveau“ den kleinen aber feinen Unterschied zwischen einer Tunte und einer Transe zu erklären. Erst nach seinem gut fünf-minütigen Referat, bei dem der ganze Fahrstuhl Zeuge wurde, durften sie mit hochrotem Kopf passieren.

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Ich bin in keinster Weise stolz ob der Tatsache trans* zu sein, denn diese wurde mir ja in die Wiege gelegt und somit von Beginn an meinem Weg mitgegeben. Ich finde es aber sehr bereichernd trans* sein zu dürfen. Das mag jetzt vielleicht ein wenig komisch klingen und wenn ich ehrlich bin, hat mich auch genau diese Tatsache 39 Jahre lang ziemlich viel Energie gekostet, trotzdem waren diese Jahre nicht nur schlecht und ich durfte viele Erfahrungen sammeln, die ich sonst gar nie gemacht hätte. Allgemein wünsche ich mir, dass trans*-sein irgendwann so normal ist, wie alles andere auch. Dass die rechtlichen Hürden abgebaut werden, jede Transperson selber über ihr Leben bestimmen kann, wie das auch bei den Cis-Menschen der Fall ist. Denn heute bestimmen ja immer noch fremde Personen darüber, ob man beispielsweise den Namen oder seinen Personenstand ändern darf und was dafür alles aufgegeben werden muss. Schön wäre es auch, wenn sich zudem auch die gesellschaftlichen Hürden abbauen, doch hier ist auch viel Mut von uns selber gefragt, welchen viele aber nicht aufbringen können oder wollen, denn diese Arbeit kann auch schmerzhaft sein.

Bei der ersten Transtagung 2013 war ich Besucherin und dachte mir schon damals, da muss ich mithelfen.  Jetzt bin ich schon zum 2. Mal im Organisationsteam. Mir hat diese erste Tagung als Besucherin geholfen, an für mich notwendige Informationen zu kommen, einfach dadurch, dass sie zentral abrufbar waren. Ich möchte mithelfen, dass dies auch für andere Menschen in meiner Situation möglich bleibt.

Franziska_Katzen

Die beiden Katzen begleiten mich seit nun mehr 12 bzw. 14 Jahren auf meinem Weg. Bei ihnen kann ich nach einem schweren Tag wieder Kraft tanken, denn ihre Liebe ist bedingungslos. Sie hängt nicht davon ab, ob ich nun Peter, Paul oder Franziska oder weiss Gott wer bin: Für sie bin ich einfach ich – Hauptsache es gibt etwas zu fressen.

Vielen Dank, Franziska.

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